2. Sonntag n.d. Christfest

03. Januar 2021

Pubertät ist, wenn Eltern schwierig werden

Liebe Leserin, lieber Leser,

Jesus hatte Humor, da bin ich ziemlich gewiss. Vielleicht hätte er darum auch über die obige Überschrift geschmunzelt. Neben allen guten Vorsätzen und aller Ernsthaftigkeit, mit denen wir besonders in diesem Jahr die Schwelle zum Neuen überschritten haben, brauchen auch wir eine gute Portion Humor und Leichtigkeit.

Da scheint die Geschichte vom 12jährigen Jesus im Tempel, die das Evangelium des heutigen Sonntages erzählt, gar nicht zu passen. Nicht nur an dieser Stelle berichtet der Evangelist Lukas davon, dass es Jesu Eltern mit ihrem Sohn nicht ganz leicht hatten – und Jesus mit seiner Familie auch nicht. Es bestand immer ein recht kritisches Verhältnis in dieser so genannten „heiligen Familie“.

Familienkonflikte entzünden sich meist an der Frage, was wir von einander erhoffen und erwarten können. Mit dieser Frage sind wir gar nicht weit weg von unseren Hoffnungen und Ängsten, die den Jahresanfang bestimmen. Wer eigentlich soll dafür einstehen, dass unsere Wünsche und guten Vorsätze in die Tat umgesetzt werden?

Die Antwort, die uns das Evangelium gibt, lautet ganz klar: „Erwarte das Gute nicht von Deinen Kindern oder Eltern, erwarte es nicht in Deiner Familie! Das führt nur zu Stress und Enttäuschungen.“ So wie bei Maria, Josef und Jesus. Enttäuschung ist kein schönes Gefühl, aber ein notwendiges. Enttäuschung bedeutet, dass eine Täuschung endet. Das kann sehr schmerzhaft sein.

Am Ende einer Täuschung aber liegt meist auch die Chance für einen Neubeginn. Wir können ein neues Fundament für unsere Hoffnung suchen, einen stabileren Grund. Jesus bietet seinen Eltern diesen Grund an. Als Maria und Josef den Ausreißer endlich im Tempel gefunden haben, zeigt der keine Reue, sondern stellt ihnen eine klare Frage: "Habt ihr nicht gewusst, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?"

Damit stellt Jesus klar: „Ich bin nicht euer Besitz, ich bin Gottes Kind! Ich bin nicht an eure Vorstellungen von mir gebunden, sondern ich bin bei Gott zu Hause.“ Diese Einsicht ist kein Sonderrecht Jesu.

Auch Du und ich - in Wahrheit gehören wir noch nicht einmal uns selbst und schon gar nicht einem anderen Menschen, weder unseren Eltern oder Kindern, unseren Geschwistern, Partner*innen oder Freund*innen. Wir gehören keinem Menschen, sondern wir gehören zu ihnen. Das ist ein feiner aber wichtiger Unterschied.

Er bewahrt uns vor gegenseitiger Überforderung. Kein Mensch – und wenn wir uns noch so lieb haben – kann für den anderen Garant des Glückes und der Zufriedenheit sein. Wir können unser Leben teilen, uns teilhaben lassen an allem Guten und Schweren, es tragen und feiern. Jedoch überfordern wir unsere Familienbande und Freundschaften, wenn wir von dem/der anderen erwarten, dass er/sie unser Glück sei oder herstellen kann. Wir überfordern uns selber, wenn wir uns die Erwartung, eines anderen Glück und Leben zu sein, zu eigen machen.

Jesus weiß das und stößt damit seine Eltern gehörig vor den Kopf. Maria und Josef mussten lernen, ihren Jungen, Jesus, loszulassen und zu akzeptieren, dass er eigene Wege geht. Das waren Wege, die seinen Eltern nicht gefielen. Jesus schlug alle Absicherungen in den Wind, die seine Eltern sich für ihn wünschten.

Er baute weder auf Geld und Gut, noch auf Ansehen und Einfluss. Jesus baute allein auf Gott – so wie er ihn verstand. Und wie verstand Jesus Gott? „Seid barmherzig wie euer himmlischer Vater barmherzig ist“, gibt er uns in dem Wort, das die Losung für 2021 ist, zur Antwort (Lukas 6, 36).

Im Wort „barm-herz-ig“ stecken „Erbarmen“ und „Herz“. Jesus hat sein Herz an Gott gebunden und dadurch zu großer Klarheit gefunden. Das tragende Band in diesem Bündnis ist das Gebet. Das Reden mit und das Hören auf Gott. Weil Jesus betend Gott über alle und alles gestellt hat, findet er die Kraft, klar zu sein und sich der Menschen in freier Wahl zu erbarmen, übrigens auch seiner so enttäuschten Mutter.

Aber das ist eine andere Geschichte. Ins Neue Jahr möchte ich Ihnen mitgeben, was Traugott Giesen einmal so formulierte: „Du bist berechtigt, Du zu sein, auch wenn Du aneckst bei deinen Mitmenschen, oder Deine Makel Dich verklagen. Du bist dazu auf der Welt, gern Du zu sein, Du Tochter/Sohn Gottes.“ Vertraue darauf, dass Du Gott gehörst, und darum auch vertraue und gehorche Gott mehr als den Menschen. 

Amen.

Pastor i. R. (Vakanzvertretung) Edzard Siuts